Crowd, Cloud und Collaboration – Abschied von der Prozessdenke?

    Beim Übersetzungsmanagement von morgen wird es darum gehen, die Voraussetzungen für die sprachliche Arbeit zu schaffen, und nicht die Arbeit selbst bis ins Kleinste zu organisieren.

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    Bis heute gibt es wenige Technologien, die das Übersetzungsgeschäft wirklich nachhaltig verändert haben. Und oft waren es am Ende nicht diejenigen, von denen man es erwartet hätte. Es scheint nach wie vor so zu sein, dass sich die Kernaufgabe des Sprachmittlers – die sinngetreue Übertragung einer Botschaft von einer Sprache in eine andere – eher schwer durch Technologie unterstützen, geschweige denn ersetzen lässt. Warum also wird den „3 C“, – Crowd, Cloud und Collaboration – so viel Interesse entgegengebracht?

    Als jemand, der aus der Praxis kommt, bin ich überzeugt, dass eine Technologie ein Geschäftsmodell oder ein Berufsfeld in disruptiver Weise verändern kann, aber nur dann, wenn sie an den richtigen Stellen ansetzt. Dort, wo uns eine intelligente technologische Lösung das Leben einfacher macht. Küchenroboter, die den Einkauf erledigen, Möhren schnippeln und das Steak à point braten, haben es offensichtlich nicht in den modernen Haushalt geschafft. Stattdessen sind unsere Kühlschränke mit Fertiggerichten gefüllt. Wird klar, was ich meine? Gleiche Problemstellung (ich will nicht kochen müssen), andere Lösung. Die eine Lösung war erfolgreich und veränderte unseren Alltag, die andere eher nicht.

    Eine Technologie kann ein Geschäftsmodell oder ein Berufsfeld in disruptiver Weise verändern, aber nur dann, wenn sie an den richtigen Stellen ansetzt.

    Wenn also neue, als revolutionär gepriesene Technologien auf den Markt kommen, bleibt zunächst einmal zu prüfen, welches Problem sie eigentlich lösen und wie.

    Crowd

    Crowd Translation entstand als Phänomen im Kontext von Startup-Unternehmen oder gemeinnützigen Organisationen, meist zur Übersetzung kleinerer Software-Apps oder Texte. Dahinter steht die Idee, eine „Crowd“ – sei es die anonyme Masse der Internetnutzer oder eine bestimmte Zielgruppe wie beispielsweise die Käufer des Produkts – auf einer Plattform zu versammeln, wo sie selbstständig Textteile in diejenigen Sprachen übersetzen können, die sie beherrschen. Die Qualitätskontrolle erfolgt einfach wechselseitig: Jeder kann nach Belieben einen Kommentar hinterlassen oder Übersetzungen von anderen korrigieren. Natürlich steht und fällt das gesamte Modell mit der Bereitschaft der Mitglieder dieser „Crowd“, sich unentgeltlich einzubringen. Und solange man sich hinsichtlich der Qualifikation und der guten Absichten der Beteiligten nicht sicher sein kann, bleibt es in gewisser Weise ein Lotteriespiel. Aber: Es kann funktionieren. Manchmal.

    Cloud

    Cloud Computing beeinflusst unser tägliches Leben sehr viel mehr als jedes der anderen „C“: Die meisten von uns sind ständig online und haben jederzeit Zugriff auf Informationen, Fotos, Dateien oder Anwendungen, sowie per Fernsteuerung auch auf andere, weiter entfernte Geräte.

    Denken Sie bei der nächsten Kaffeepause oder auf dem Weg nach Hause einmal darüber nach:

    Wie hat sich Ihr Alltag, Ihre Arbeit und Freizeit und Ihr Sozialleben durch Cloud-Anwendungen verändert?

    Erinnern Sie sich, wie viele Gründe man früher anführen konnte, um zu erklären, warum man gerade nicht reagieren oder antworten konnte, warum man dies oder jenes nicht wusste und nicht gesehen hat, warum man etwas nicht mitteilen oder weitergeben konnte? Heutzutage gibt es eigentlich nur noch die Entschuldigung: „Ich hatte keine Verbindung“. Sehe ich Sie zustimmend nicken? Gut, dann bin ich nicht der einzige Mensch über 28 hier.

    Collaboration

    Und der letzte Punkt der Aufzählung – Collaboration? Haben wir früher nicht auch zusammengearbeitet? Doch, haben wir. Wir haben Besprechungen abgehalten, im Großraumbüro gearbeitet und fachübergreifende Teams gebildet. Wenn eine Zusammenarbeit über räumlich entfernte Standorte erforderlich war, haben wir Informationen und Dateien weitergeleitet. Erkennen Sie den Unterschied? Wir haben sie weitergeleitet. Nicht: Wir haben sie geteilt. Wir haben kopiert. Weitergeleitet. In CC gesetzt. Versionen erstellt. Kommentare und Antworten auf Kommentare erstellt. Wir hatten Mitarbeiter im Team, deren Aufgabe es war, am Ende alles in ein Dokument zusammenzuführen. Wir besprachen zu 50 % Projektinhalte und in den restlichen 50 % der Zeit ging es um logistische Fragen. Zusammenarbeit – Collaboration – im modernen Wortsinn ist etwas anderes. Die passiert in Echtzeit. So, als ob alle live im Büro um ein Flipchart herum säßen. Nur ohne die Kekse. Ach ja, und Sie müssen natürlich nicht zu einer bestimmten Uhrzeit anwesend sein, da der Treffpunkt die Cloud ist. Also: wann immer und wo immer Sie möchten. Kein logistischer Aufwand mehr.

    Bedeutet das auch, dass das Ergebnis am Ende besser ist? Nein, nicht zwangsläufig. Aber Sie haben einfach mehr Zeit, am Ergebnis zu arbeiten. Und vielleicht können Sie diesen brillanten Kollegen ins Boot holen, der in Ihrer Niederlassung in Norwegen arbeitet. Und vielleicht gelingt es Ihnen, eine entscheidende Information schneller und klarer zu kommunizieren, mit durchschlagendem Erfolg für Ihr Projektergebnis.

    Das ist jetzt alles sehr allgemein formuliert, gebe ich zu. Nichts, was sich wirklich revolutionär auf die Übersetzungsindustrie auswirkt, oder?

    Von wegen.

    Übersetzungsmanagement ist hauptsächlich Logistik. Beim Übersetzen geht es um Inhalt und Bedeutung, völlig richtig. Aber beim Übersetzungsmanagement geht es um intelligente und effiziente Abläufe; darum, die richtigen Informationen und das richtige Datenpaket im jeweiligen Prozessschritt an die richtige Person zu übermitteln, damit die Arbeit reibungslos erledigt werden kann. Je größer der Abstand zwischen den Erstellern von Inhalten und den Übersetzern, desto schwieriger wird es, die entscheidenden Informationen wirklich immer und wirklich zuverlässig an die richtige Adresse zu bringen.

    Aber ist das nicht heutzutage alles automatisiert? Natürlich! Kein Sprachdienstleister überlebt ohne automatisierte Prozesse. Wer seine Logistik im Griff hat und über die besten Logistikexperten verfügt, gewinnt am Markt. Aber worauf läuft das alles am Ende hinaus? Wieder auf Übersetzungsmanagement – nur eben automatisiertes. Sie können entweder für Arbeitskraft oder Automatisierung bezahlen – was Sie sich eben leisten können. Butler oder Küchenroboter. Rikscha oder ICE. Aber: Sie fahren immer noch von A nach B.

    Es gibt eben keine Logistik mehr!

    Was ist nun so anders an den 3 C: Crowd, Cloud und Collaboration? Nun, sie haben das Potenzial, unser Verständnis von Übersetzungsmanagement auf den Kopf zu stellen: Es gibt eben keine Logistik mehr!

    In einer kollaborativen Umgebung arbeitet beispielsweise ein Team aus Content-Redakteuren, Übersetzern und Revisoren völlig autonom an einer mehrsprachigen Website. Inhalte stehen unmittelbar während ihrer Entstehung auf der Übersetzungsplattform zur Verfügung. Und zu den Inhalten gibt es auch gleich noch den Kontext: Dank Echtzeit-Vorschau kann jeder sehen, an welcher Stelle das Textstück steht, kann die dazugehörigen Bilder ansehen und auf interaktive Glossare mit Begriffsbestimmungen und weiterführenden Erklärungen zugreifen. Arbeiten Sie vielleicht als Team an einer größeren Übersetzung mit vielen Textwiederholungen? Sobald einer Ihrer Kollegen ein Textstück übersetzt hat, steht es Ihnen sowohl im Übersetzungsspeicher als auch im gemeinsamen Dokument zur Verfügung - live. Änderungen oder Updates? Sofort für alle zu sehen. Rückfragen? Melden Sie sich und starten Sie eine Unterhaltung mit Ihren Kollegen oder Auftraggebern. Kontaktieren Sie die Redakteure oder Fachleute beim Kunden. Setzen Sie Hinweise oder Kommentare. Und wer sagt eigentlich, dass die Revision einer Übersetzung erst nach Abschluss der Übersetzung beginnen kann? Vergewissern Sie sich doch einfach, dass Stil und Formulierungen des Übersetzers stimmen, noch ehe Tausende von Wörtern übersetzt sind. Beginnen Sie mit der Qualitätsprüfung parallel zur Übersetzung. So sparen Sie nach hinten hinaus Zeit. Verschaffen Sie sich jederzeit einen Überblick über den Stand der Arbeit. Und veröffentlichen Sie übersetzte und bereits abgenommene Inhalte mit einem Klick oder vollautomatisch.

    Klingt nach ferner Zukunft? Nein, das gibt es bereits. Und mal ehrlich: So futuristisch ist das Ganze doch überhaupt nicht. Denken Sie an den Flipchart! Alle im selben Raum. Wie zuvor. Nur ohne die Kekse.

    Das Revolutionäre daran sind die potenziellen Auswirkungen, die dieser kollaborative Ansatz auf die Geschäftsmodelle der Sprachdienstleister haben kann, und auf ihre Fähigkeit, die Kundenerwartungen der Zukunft zu erfüllen. Ihre komplexen, sorgfältig durchorganisierten und automatisierten Prozesse mit ihren strengen Qualitätskontrollen an einer Reihe von Knotenpunkten stehen für einen mechanistischen oder gar „tayloristischen“ Ansatz für eine ihrem Wesen nach kreative Aufgabe. Entstanden aus der Notwendigkeit heraus, die logistischen Herausforderungen zu lösen. Sprachdienstleister haben viel Geld in ihre Prozesse und Technologien investiert. Verschwindet nun mit der Logistik auch das ursprüngliche Problem, verlieren diese Investitionen ihren Marktwert und werden unter Umständen obsolet.

    Beim Übersetzungsmanagement von morgen wird es darum gehen, die Voraussetzungen für die sprachliche Arbeit zu schaffen, und nicht die Arbeit selbst bis ins Kleinste zu organisieren. Übersetzungsmanager werden projektbezogene Teams von Sprachmittlern, Kundenmitarbeitern oder Fachleuten leiten, die autonom zusammenarbeiten, um Sprachprodukte zu liefern, die ihren Zweck erfüllen: Das Kommunikationsziel des Kunden zu verwirklichen. Solche Teams effizient, sicher und kontrolliert zusammenzustellen, zu leiten und zum Erfolg zu führen – das ist die Kunst, die Sprachdienstleister und ihre Übersetzungsmanager in Zukunft zur Perfektion bringen müssen.

    Veröffentlicht auf 03/10/19    Zuletzt aktualisiert am 21/11/19

    #Collaboration, #Translation&Localization

    Über den Autor

    Karina is Solution Manager Global Content Suite at AMPLEXOR. She is based in Berlin, Germany.

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