Maschinelle Übersetzung – der natürliche Feind professioneller Übersetzer?

    Wie sich die Maschinelle Übersetzung in Beziehung zum professionellen Übersetzen seit ihrer Entstehung entwickelt hat.

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    Maschinelle Übersetzung (MÜ) gibt es schon weitaus länger als die meisten Menschen glauben. Sie hat auch schon mehr Höhen und Tiefen durchlebt als die meisten Menschen. Die Maschinelle Übersetzung war zwar zu keinem Zeitpunkt wirklich "tot", sie war jedoch jahrzehntelang für die meisten von uns schlicht irrelevant. Und man darf sich ruhig fragen, warum das anscheinend auch für diejenigen galt, die berufsbedingt mehr als nur höfliches Interesse an dieser Technologie aufbringen sollten: die professionellen Übersetzer.

    Sehen wir uns bis dahin doch einmal an, wie sich die Maschinelle Übersetzung in Beziehung zum professionellen Übersetzen seit ihrer Entstehung entwickelt hat. Interessanterweise wurde bei jedem neuen Hype zum Thema der Maschinellen Übersetzung das Ende der Übersetzungsbranche heraufbeschworen, und zwar von Experten und fachfremden Kommentatoren gleichermaßen. Oder – für einige Übersetzer eine noch bedrohlichere Vorstellung – man sprach vom Nutzen der Maschinellen Übersetzung für die Übersetzer, deren Produktivität sich dadurch um das Zehnfache steigern würde.

    Machine-translations.jpgKeines dieser Szenarien trat in der Folge wirklich ein, daher wandten sich die Profis ernüchtert Technologien zu, die sich – obwohl viel jünger und technisch weniger komplex – in der Praxis als sinnvoll erwiesen: den Translation-Memory-Systemen mit ihren vielen intelligenten Zusatzfunktionen. Und - hoppla! - die Produktivität stieg rasant, zumindest bei Update-Übersetzungen und Dokumenten mit vielen Wiederholungen. Die Branche konzentrierte sich daraufhin auf die Wiederverwendung professionell übersetzter Inhalte. Je besser der Inhalt im Vorfeld strukturiert, formatiert und verwaltet wurde, desto weniger Textmodule waren von Änderungen betroffen. Je weniger Textvolumen in die Übersetzung gegeben werden musste, desto kostengünstiger war das Update. Und dank Translation-Memory-Technologie ergab sich auch für relativ unstrukturierte Texte ein Nutzen aus der Datenbankanwendung, denn so genannte “Fuzzy-Matching”-Algorithmen generieren auch Übersetzungsvorschläge für mehr oder weniger ähnliche Sätze. Und diese Leistung gab es zu relativ moderaten Software-Kosten.

    Währenddessen erwachte die Maschinelle Übersetzung mit dem Aufstieg des Internets zu neuem Leben. Was als spaßiges kleines Widget auf den Webseiten einiger kleiner Provider begann, ist inzwischen aus dem Web nicht mehr wegzudenken. Speziell die Technologie im Bereich der statistischen MÜ erfuhr plötzlich nicht nur enorme Beachtung, sondern auch erhebliche finanzielle Unterstützung aus der Branche und aus öffentlichen Fördertöpfen. Niemand zweifelt mehr daran, dass die Überwindung von Sprachbarrieren – praktisch eine der letzten Barrieren, die im Internetzeitalter Menschen oder Kulturen noch voneinander trennt – strategisch wichtig ist.

    Und während man sich immer noch gern über die unfreiwillige Komik mancher Übersetzungen (kennen Sie "consumption ducks" - also Konsumenten?) amüsiert, gehört es inzwischen zum Alltag, sich Inhalte wie E-Mails, Antworten in Foren oder interessante Annoncen maschinell übersetzen zu lassen.

    Und das ist eine wirklich spannende Entwicklung! Wenn Sie zu den sprachbegabten Menschen gehören, die sich gern über die inakzeptable Qualität von MÜ auslassen, versetzen Sie sich doch einmal kurz in die Lage derjenigen, die nur eine Sprache beherrschen. Suchen Sie sich einen kurzen fremdsprachigen Text mit vier oder fünf Sätzen heraus, auf Ungarisch zum Beispiel (und ungarische Muttersprachler wählen bitte eine andere Sprache, die sie überhaupt nicht beherrschen), und lesen Sie ihn sorgfältig durch.

    Meditieren Sie darüber. Nehmen Sie sich Zeit und lassen Sie die Worte auf sich wirken.

    Und dann lassen Sie die Sätze durch Google Translate laufen und in Ihre Muttersprache übersetzen.

    Jetzt lesen Sie das Ergebnis nochmal.

    Vergleichen Sie. Merken Sie was?!

    Google_translate.jpgMaschinelle Übersetzung wurde entwickelt, damit Sie Texte wenigstens teilweise verstehen, deren Inhalt Ihnen ansonsten vollständig unzugänglich bliebe. Ja, an etlichen Stellen klingt es holprig. Falsch kann es auch sein. Oder beides. Trotzdem wette ich, dass Ihr Verständnis vom Inhalt des ungarischen Textes innerhalb von Sekunden von Null auf irgendetwas ganz deutlich über Null geschossen ist. Das ist das Ausschlaggebende bei der Sache.

    Jetzt bitten Sie einen Ungarisch-Übersetzer, dieses Experiment zu wiederholen, und fragen ihn, ob es für ihn hilfreich war. Vermutlich ernten Sie einen verständnislosen Blick.

    Wer hat nun Recht? Sind Übersetzer einfach zu anspruchsvoll?

    Nein, die Ausgangslage ist nur eine völlig andere.

    Ein Übersetzer benötigt keine Unterstützung beim Verstehen des Ausgangstextes: Das ist für ihn ungefähr so hilfreich, als würde jemand neben Ihnen sitzen und unbeholfen in derselben Sprache wiederholen, was eine andere Person gerade gesagt hat.

    Für einen Übersetzer ist es entscheidend, die Bedeutung von Fachbegriffen oder anderen weniger alltäglichen Wendungen und Ausdrücken schnell zu erfassen, geeignete Formulierungen in der Zielsprache zu finden und eine korrekte Übersetzung abzuliefern. Ein Übersetzer möchte sicher sein, dass seine Formulierungen und sein Stil den Erwartungen der Zieltextleser entsprechen. In der Regel bedeutet das, sich an vorgeschriebene Terminologie, stilistische Vorgaben und mitgelieferte Referenzen zu halten. Eine Arbeitserleichterung für den Übersetzer stellt es dar, wenn er sich nicht mit der Korrektur von Tippfehlern, dem Nachbau des Layouts oder der Prüfung von Längenbegrenzungen aufhalten muss.

    Auch greift er gerne auf bereits übersetzte und validierte Textteile zurück, um sie im neuen Kontext wiederzuverwenden, insbesondere bei Projekten, bei denen sich Texte ständig wiederholen. Hier ist Automatisierung hoch willkommen und trägt entscheidend zur Produktivität und auch zur Fehlervermeidung bei.

    Und genau deshalb findet die Maschinelle Übersetzung beim professionellen Übersetzer häufig nicht die erwartete Akzeptanz: Der Nutzen stimmt einfach nicht. Klassische MÜ-Systeme machen Konzessionen an die Qualität, die ein professioneller Übersetzer aufgrund seiner Aufgabenstellung nicht hinnehmen kann, im Tausch gegen einen Mehrwert, von dem der Übersetzer nichts hat.

    Aber - es gibt auch gute Nachrichten.

    MÜ kann sich für Übersetzer lohnen, wenn sie dem tatsächlichen Bedarf der Profis entspricht. Sprachtechnologie, wie sie in MÜ-Systemen zur Anwendung kommt, lässt sich vielseitig zum Nutzen von Übersetzern einsetzen. MÜ-Ergebnisse können zudem auf den individuellen Automatisierungsbedarf von Übersetzern abgestimmt werden (Interessiert an ein paar Forschungsergebnissen?). Und letztendlich ist fast schon absehbar, dass beide Technologien – Translation-Memory-Systeme und Maschinelle Übersetzung – mit der Zeit zu einer Technologie verschmelzen werden.

    Veröffentlicht auf    Zuletzt aktualisiert am 17/09/2019

    #Maschinelle Übersetzung

    Über den Autor

    Karina is Solution Manager Global Content Suite at Amplexor. She is based in Berlin, Germany.

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